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Öndög
Kritik der cityguide.pictures-Redaktion
3,0
solide
Öndög

Unter dem Himmel ist einfach nicht genug Platz

Von
Nachdem er mit dem Hirtendrama „Tuyas Hochzeit“ 2006 den Goldenen Bären gewann, kehrt der chinesische Regisseur Wang Quan'an („Getrennt zusammen“, „White Deer Plain“) mit seinem neuen Film „Öndög“ nicht nur in den Wettbewerb der Berlinale, sondern auch in die Weiten der mongolischen Steppe zurück. Dort stößt eine Truppe von Jägern eines Nachts auf eine nackte tote Frau, die hier mitten im Nirgendwo abgeladen wurde. Die herbeigerufene Polizei ist auf einen solchen Fall allerdings nicht vorbereitet, weshalb die Leiche erst einmal liegenbleibt und der jüngste Kollege (Norovsambuu Batmunkh) als Bewacher zurückgelassen wird. Ihn bei seiner Aufgabe unterstützen soll eine in der Nähe lebende, alleinstehende Nomadin (Dulamjav Enkhtaivan), ohne deren Hilfe der Stadtpolizist vermutlich direkt erfrieren würde. In der Einsamkeit der bitterkalten Steppe kommen sich die beiden näher, während der Leichnam nur wenige Meter entfernt weiterhin auf seine Abholung wartet...

In der mongolischen Steppe gibt es weit und breit nichts außer gelblichen Grasbüscheln. Aber wie Wang Quan'an und sein Kameramann Aymerick Pilarski („Soul Inn“) aus dieser Leere vor allem in der ersten Hälfte, die fast ausschließlich um den Fundort der Leiche herum verortet bleibt, grandiose Bilder kreieren, ist schlichtweg atemberaubend. Der wolkenlose, graublaue Himmel nimmt oft mehr als die Hälfte, manchmal sogar vier Fünftel der Leinwand ein – und scheint die im Vergleich winzig kleinen Figuren regelrecht zu erdrücken. Aber wenn schon in der Höhe kein Platz ist, geht man eben in die Breite – auch davon gibt es in der Steppe schließlich mehr als genug: Gerade einige vermeintlich simple Schwenks zu Beginn, einfach nur von einem Polizisten zu seinem Kollegen, fühlen sich an, als würden sie auf den 180 Grad dazwischen tatsächlich die halbe Welt einfangen, so schier endlos weit liegt der Horizont in der Ferne.

In der ersten Einstellung vom Heim der wie alle Figuren namenlosen, bisher auch sehr gut ohne Mann auskommenden Nomadin sieht man rechts ein übervolles Ziegengehege, in der Mitte ein abwartendes Kamel und links die Frau, die vor ihrer Jurta mit einem Handy telefoniert. Aber diese drei Geschehnisse liegen auf der vollen Breite der Leinwand gefühlt so weit auseinander, dass man sich „Öndög“ wohl schon drei Mal ansehen müsste, um ihnen allen die gebührende Aufmerksamkeit schenken zu können. Die größte Bildgewalt haben dennoch die gewaltig-weiten Steppenpanoramen, deren wahre Schönheit nicht einmal der nur notdürftig bedeckte Leichnam, der klein unten in der Mitte an das tragische Schicksal einer ermordeten Frau gemahnt, etwas anhaben kann.

Gefüllt werden die berauschenden Bilder übrigens nicht etwa mit einem Kriminalfall, die Ermittlungen spielen im Gegenteil sogar nur eine sehr untergeordnete Rolle, sondern mit warmherzigem, skurrilem Humor. Da tanzt etwa der zurückgelassene Polizeianfänger zu verschiedenen Songs von seinem Mobiltelefon, um nicht sofort zu erfrieren – erst erklingt ein mongolisches Volkslied, dann etwas Rockiges und schließlich „Love Me Tender“ von Elvis Presley. Auch das langsame Näherrücken der zwei einsamen Aufpasser ist auf humorvolle Weise rührig – und der skeptische Blick des danebenliegenden Kamels sowieso unbezahlbar.

Aber die großartigen Bilder und der kuriose Humor tragen „Öndög“ nicht über seine volle Spielzeit. Nach etwa der Hälfte des Films wird die Leiche schließlich doch noch in die Gerichtsmedizin abtransportiert. Damit öffnet sich zugleich auch die zuvor noch so konzentrierte Geschichte und die Metaphern werden mit einem Mal plötzlich bleischwer: Während die Nomadin überlegt, ob sie ihre Schwangerschaft beenden soll oder nicht, sehen wir eine Ziege, die durch das Herausreißen des Herzens geschlachtet wird, und eine Kuh, die ihr Kalb zur Welt bringt und ableckt. Auch der Titel des Films geht in diese Richtung – mit einem „Öndög“ ist schließlich das versteinerte Ei eines Dinosauriers gemeint, wie sie damals in der Mongolei zum ersten Mal entdeckt wurden.

Ab hier wird es allerdings zum Problem, dass uns Wang Quan'an mit seinen überdimensionierten Totalen so lange bewusst auf Abstand gehalten und uns zudem noch nicht einmal die Namen der Figuren verraten hat. Denn plötzlich soll man all der anfänglichen Distanz zum Trotz mit den Protagonisten mitfühlen. Aber das ist auf Knopfdruck gar nicht so einfach, weshalb der Sprung vom reduzierten Experiment hin zum klassisch-narrativen Film nicht wirklich gelingt. Ganz am Ende direkt vor dem Abspann erfahren wir, dass der Film „auf wahren Geschichten“ basiert. Das passt, schließlich fühlt sich „Öndög“ tatsächlich an wie drei Geschichten, die nicht so stimmig wie erhofft ineinander übergehen und von denen auch nur die erste vollends überzeugt.

Fazit: Die fantastische Kameraarbeit und der skurrile Humor trösten über weite Strecken darüber hinweg, dass man den namenlosen Figuren nicht wirklich nahekommt.

Wir haben „Öndög“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo der Film im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.
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